';
Nickelsberg's Farm

German Shepherd Herding

Abgrenzunginstinkt

Alf von Fafnerhaus (Nicky) — 1998     

      

ABGRENZUNGSINSTINKT

von Ellen Nickelsberg
Copyright 1991 by Hoflin Publishing Ltd.

§

Manfred Heyne zufolge erkennt, wählt und formt ein guter
Herdengebrauchshund die natürlichen Grenzen einer Herde instinktiv.
     

Für die Leser, die noch nie einen erfahrenen Schäferhund beim Schafehüten in Deutschland gesehen haben, kann es sehr schwierig sein, das Konzept eines Hundes, instinktiv eine Abgrenzung aufzunehmen und zu formen, um die Herde unter Kontrolle zu halten, zu akzeptieren.  Videos und Fotos können es nicht erfassen — das Ausmaß einer Herde und das von den Abgrenzungen abdedeckte Gelände sind einfach zu groß, um komplett aufgenommen zu werden.  Man muß in der Tat dort sein und beobachten, um die Abgrenzungsarbeit, die ein erfahrener Schäferhund ausführt, vollkommen zu verstehen.  Jedoch selbst beim Beobachten dieser Arbeitsausführung kann das Konzept des “Abgrenzungsinstinkts” unerfaßbar bleiben — gute Abgrenzungsarbeit schaut zu präzise und ordentlich aus,sodaß man meinen möchte, sie wäre antrainiert.  Aber ein wohlgezüchteter Schäferhund leistet diese Arbeit instinktiv.  Das heißt nicht, daß ein Hund nicht trainiert werden kann, eine Eingrenzung zu formen — er kann offensichtlich; jedoch einen trainierten Hund ohne Instinkt bei der Abgrenzungsarbeit zu beobachten und einen Hund mit Instinkt, ist, wie mich beim verständnislosen Schnitzen eines Zweiges zu beobachten und Michelangelo beim entschlossenen Bildhauern der Pieta.     

Seit 1987 habe ich jedes Jahr einige Zeit mit Manfred Heyne, einem Schäfermeister und vierzehnfachen Sieger im Bundesleistungshüten, auf dem Feld verbracht, während er seine Hunde auf das Bundesleistungshüten im Herbst vorbereitete.  Während dieser Zeit arbeiteten seine Hunde immer auf freien, bepflanzten Feldern mit klar sichtbaren, selbst erstellten Grenzen oder in Furchen zwischen den Reihen von angebautem Getreide.  Obwohl ich Manfred immer glaubte, wenn er darauf bestand, daß die Abgrenzungsarbeit, die seine Hunde leisteten, reiner Instinkt seien, sagte mir meine innere Stimme beständig:  “Nein, das kann nicht nur Instinkt sein, es wirkt so gekünstelt, das muß Training sein.”  Das Licht ging mir nicht auf, bis ich eine Woche im Mai mit Manfred verbrachte.  Ich würde gerne etwas von dem teilen, was ich in diesen Tagen im Mai von Manfred über die Bedeutung von “Instinkt” bei der Auswahl von Schäferhunden zum Schafehüten gelernt habe.  Jedoch behalten Sie bitte im Gedächtnis, daß jeder Hund mit einem starken Trieb und einer starken Hingezogenheit zum Schaf TRAINIERT werden kann, große Herden zu hüten, aber wenn dieser Hund keine ANGEMESSENEN INSTINKTE fürs Schafe-hüten hat, so wird er niemals das Verhaltensrepertoire entwickeln, das notwendig ist, ein verläßlicher Hütehund zu werden, dem man vertrauen kann, daß er die Herde alleine, ohne irgendwelche Befehle des Schäfers, sicher in Grenzen halten kann.  Zum Beispiel war ich mit Manfred zur Lammungszeit auf dem Feld, als ein Mutterschaf ein Junges zur Welt brachte.  Manfred war es möglich, das Mutterschaf und das Lamm in seinem Truck zurück zur Scheune zu bringen und die Herde nur mit einem Hund, Luki, als Aufpasser alleinzulassen.  Ich beobachtete Luki, wie er völlig alleine alle vier Grenzen für mehr als eine Stunde hütete, bis Manfred zurückkam.  Für mich besteht kein Zweifel, daß Luki den ganzen Tag lang diese Schafe alleine weitergehütet hätte, wenn er gemußt hätte.     

Ewe cleaning her new born lamb in the field — Germany 1991.     

 Im Frühjahr bringt Manfred seine Schafe auf die Weiden um Schloß Eisenbach, einer mittelalterlichen Festung auf einem Hügel.

Schloss Eisenbach — Germany 1991   

Die Äcker drumherum sind keine kultivierten Weiden, eher offene Grasfelder zwischen Wäldern, Bächen und steilen, felsigen Hügeln.  Tagsüber bewegt Manfred seine Herde von einem Platz zum anderen, um sie auf den unebenen Grasfeldern um die Festungsmauern herum grasen zu lassen.    

Manfred leads the flock over a bridge — Germany 1991.     

Da gibt es keine Furchen und keine vorskizzierten Getreidefelder.  Um die Sache noch herausfordernder für den Hund zu machen, besteht die Frühlingsherde zu 50% oder mehr aus Lämmern, die zwischen Oktober und März geboren worden sind und Manfred’s Schafe werden den Winter über in Scheunen untergebracht, sodaß der Frühling für die meisten Lämmer das erste Mal auf der Weide bedeutet.  Die Lämmer waren es weder gewöhnt, dem Schäfer zu folgen, noch zu kommen, wenn er sie rief. Diese Lämmer waren darauf aus, eine gute Zeit zu haben beim auskundschaften,dabei, die Älteren zu ärgern oder einfach sich zu benehmen wie kleine Schulkinder in der Pause. Tatsächlich sprach Manfred immer von seiner Herde als seinem “Kindergarten”.     

Es war eine lustige, magische Herde — es war Frühling. Die Lämmer wollten alles ausprobieren.  Die Älteren bildeten randalierende Banden, die die Mutterschafe mit jüngeren Lämmern belästigten, bis die Mutterschafe sie endlich davonjagten.  Sie spielten Kopfstoßen, tobten umher und legten sich, zu jedermanns Erleichterung, schließlich in die Sonne, um zu schlafen.  Das war meine Chance, zu sehen und zu lernen, was Manfred mit “Abgrenzungsinstinkt” meinte.   

Manfred hatte gerade begonnen, mit einem vierjährigen Weibchen zu arbeiten, das ihm von einem ostdeutschen Schäfer anvertraut worden war.  Er wollte sehen, ob sie all das hatte, was er von einem weiblichen Hund für die Züchtung erwartete.  Ihr Name ist Frensi, was, wie sich herausstellte, ein treffender Name ist.   

Am ersten Morgen draußen zeigte Frensi einen äußerst starken Antrieb und Energie bei der Arbeit mit den Schafen.  Sie zeigte auch eine sehr starke Bereitschaft, den Schäfer zufriedenzustellen.  Sie hatte die beiden Inhaltsstoffe, die für einen guten Hütehund absolut erforderlich sind.  Jedoch fehlte bei Frensi der zweite Bestandteil, der Bestandteil nämlich, der einen guten Herdengebrauchshund zu einem großartigen Herdengebrauchs-hund macht — Frensi fehlte die natürliche Fähigkeit (Instinkt), ihren Trieb effektiv dazu zu benutzen, die Schafe selbständig zu kontrollieren und in Grenzen zu halten.   

Manfred platzierte Frensi ans Gatter, als er die Schafe aus dem Pferch führte.  Dann ließ er sie auf seiner Seite der Abgrenzung arbeiten, um zu sehen, was sie selbständig machen kann, ohne irgendwelche Befehle.  Zur Erinnerung:  Frensi ist vier Jahre alt und schon daran gewöhnt, im Osten Deutschlands Schafe zu hüten — sie ist ein erfahrener Herdengebrauchshund, kein Anfänger.   

Frensi rannte vor und zurück an der Abgrenzung mit enormem Antrieb und Energie.  Von Zeit zu Zeit stürmte sie in die Herde und griff harmlos nach einem Schaf ohne jeglichen Grund.  Jedoch, wenn einige Schafe außerhalb der Abgrenzung umherstreunten, rannte sie an ihnen vorbei, als ob sie nicht da wären und sie sicherte nie die ganze Länge der Herde ab.  Die Schafe lernten schell, sie zu ignorieren.  Nachdem sie etwa 15 Minuten an der Abgrenzung vorwärts- und zurückgerannt war, rief Manfred sie zu sich.  Sie war schon total erschöpft. Wenn er sie nicht gestoppt hätte, hätte sie sich in kürzester Zeit völlig verausgabt.  Manfred gab mir ein Zeichen, die Abgrenzung anzuschauen, die Frensi für sich im frischen Gras gemacht hatte.  Es war nicht nur eine Abgrenzung, es war eine fast zwei Meter breite Straße.  Ich mußte an den Tag vor vier Jahren denken, als Manfred seinen neun Monate alten Nikko das erste Mal mit aufs Feld brachte, um zu sehen, ob er bereit war, mit der Abgrenzungsarbeit zu beginnen.  Ohne vorherige Erfahrung hatte Nikko an seinem ersten Tag draußen mit den Schafen innerhalb von 15 Minuten seine Abgrenzung geformt — eine einzige Spur, nicht mehr als 20 cm. breit und die ganze Länge der Herde abdeckend!  Ich erinnere mich, daß Manfred an diesem Tag vor vier Jahren, als Nikko an seiner Abgrenzung hin- und herrannte, stolz verkündete:  “Das ist Instinkt”.  Heute sagte Manfred garnichts.   

Ich beobachtete Manfred bei Frensi’s “Erziehung”.  Manfred leitete ihren Trieb und ihre Energie um in entschlossene Arbeit, um seinen schafehütenden Notwendigkeiten gerecht zu werden.  Manfred’s ermutigende, beruhigende und lenkende Stimme ließ ihn in ständigem Kontakt mit Frensi bleiben — er gab ihr nie die Gelegenheit, in ein Fehlermuster, die Leistung betreffend, zu verfallen.  Wenn sie von der Abgrenzung abkam, ermunterte er sie sofort, zurückzugehen und LOBTE.  Wenn Frensi nicht sofort verstand, was Manfred ihr auftrug, zu tun, wiederholte er die Befehle sanft und ruhig und gab ihr all die Zeit, die sie brauchte, um es für sich selbst herauszufinden.  Das war Erziehung. Was ich beobachtete, war Frensi, die sich selbst beibrachte, was von ihr erwartet wurde, zu tun — ohne Stress, auferlegt durch Zwangstraining, und ohne Risiko, daß Manfred ein Verhaltensmuster von zukünftiger Meidung, auf Grund von mißverstandenen, negativen Ermahnungen körperlicher oder mündlicher Art, in Gang setzen könnte.  Das Ergebnis dieser Erziehung wird eine Hündin sein, die selbständig arbeiten kann, mit Vertrauen auf die Grenzen ihres Instinkts.   

Frensi works her boundary. Manfred had her work farther
from the flock so she would not disturb it — Germany 1991.
     

An diesem Nachmittag ließ Manfred Frensi zuhause und brachte Nikko, seinen erfahrenen Hütehund, und Heika, eine vier Jahre alte Hündin aus seiner Züchtung, auf die Weide, die Schafe zu hüten.  Heika hatte drei Jahre bei einem örtlichen Bauern gelebt.  Als dieser Bauer kürzlich seine Schafe verkaufte, hatte er keinen Nutzen mehr an Heika und so gab er sie an Manfred zurück.  Heika hatte in etwa die selbe Erfahrung im Hüten wie Frensi und Manfred wiederholte den gleichen Test, den er morgens mit Frensi gemacht hatte.  Die Schafe wurden auf die Weide gebracht und während Nikko die äußere Abgrenzung bildete und innehielt, konnte sich Heika auf der Schäferseite der Herde auslassen.     

Heika’s Art zu arbeiten stand in deutlichem Kontrast zu der Frensi’s.Heika hatte den gleichhohen oder sogar höheren Antrieb bei der Abgrenzungsarbeit als Frensi, aber Heika’s Arbeit war entschlossen.  Heika’s Abgrenzung war geradlinig und eng und deckte die gesamte Länge der Herde ab.  Heika machte die Abgrenzung mit Vertrauen und Entschlossenheit geltend — jedes Schaf, das die Grenze überschritt, wurde schnell und effektiv bestraft und wieder hineingebracht.  Heika stürmte niemals willkürlich in die Herde und die Schafe lernten schnell, sie und ihre Abgrenzung zu respektieren. Manfred war sehr angetan.    

 Heika working the boundary with Nikko:  Heika’s purposeful working ability
let Manfred allow her to work close to the flock — Germany 1991.
    

Während der restlichen Zeit meines Besuchs nahm Manfred abwechselnd Heika und Frensi mit sich aufs Feld.  Die Resultate waren die gleichen.  Manfred mußte Frensi ständig mit Stimmbefehlen bearbeiten — jeden Schritt, den sie unternahm, mußte er dirigieren.  Heika, auf der anderen Seite, brauchte so gut wie keine Führung vom Schäfer — sie arbeitete völlig von selbst effektiv.  Heika arbeitete 100% instinktiv, Frensi nicht. 

Wieviel Erziehung oder Training Frensi auch immer erhielt, es mußte ihr immer gesagt werden, was und wann etwas zu tun ist und wo sie die Abgrenzung machen sollte.  Frensi könnte ein guter Herdengebrauchshund werden, aber nur unter der ständigen Leitung eines Schäfers.  Heika, auf der anderen Seite, zeigte die Instinkte, ein großartiger Hütehund zu werden.  Ganz von allein war Heika’s Arbeit entschlossen und effektiv:  Heika’s Instinkte gaben ihren Trieben Lenkung, der Schäfer mußte nichts dazu tun. 

Was ist “Abgrenzungsinstinkt”?  Ich sah ihn ausgedrückt in den Verhaltensmustern von Manfred’s Hunden, genauso wie ich sein Fehlen in Frensi’s Verhalten unter den gleichen Voraussetzungen sah.  Es gibt keinen Zweifel, daß es ihn gibt, nur was ist er?  Ich habe Manfred viele Fragen über “Abgrenzungsinstinkt” gestellt, aber es geschah nicht vor Mai 1991, als ich Manfred dabei beobachtete, wie er ein paar zehn Monate alte Welpen testete, daß ich anfing, zu verstehen. 

Nikko’s Vater, Luki, war zum Decken der Hündin eines anderen Schäfers hergenommen worden.  Da Manfred hoffte,aus dem Wurf einen männlichen und einen weiblichen Welpen für sich selbst auswählen zu können, bat er, den gesamten Wurf für ein paar Wochen zum Testen in seiner Scheune behalten zu dürfen.  Manfred hatte den Wurf da, als ich ankam. 

Eines Morgens, bevor er die Welpen fütterte, errichtete Manfred eine 2x10m breite Fläche in der Schafscheune und setzte die Welpen hinein.  Das eine Ende der Testfläche gab den Welpen volle Sicht auf die Schafe, die in Pferchen ca. 6m entfernt gehalten wurden.  Zuerst testete Manfred sie auf Klangempfindlichkeit und Schüchternheit.  Dann wählte Manfred einen gut 35 Pfund schweren, jungen Schafbock aus und tat ihn zusammen mit den Welpen.  Zwei oder drei Welpen klebten förmlich am Zaun und beobachteten Manfred, als er das Lamm auswählte und herüberbrachte.  Als das Lamm dann im Pferch platziert war, zeigten alle Welpen Interesse.  Sie jagten das Lamm im Pferch hin und her — einige packten es, einige nicht.  Zwei dunkelbraune Welpen, männlich und weiblich, und ein schwarz-hellbrauner, weiblicher Welpe zeigten den größten Antrieb beim Jagen und Packen des Lamms.    

Manfred hatte schon vorher entschieden, daß er die beiden dunkelbraunen Welpen für sich behalten wollte.  Er nahm sie aus dem Pferch heraus, um mich einen der übrigen vier auswählen zu lassen.  Als Manfred das Gatter öffnete, um die beiden dunkelbraunen Welpen herauszunehmen, konnte eine der schwarz-hellbraunen, weiblichen Welpen entwischen.  Sie begann, eifrig, die Scheune auszukundschaften, mit regem Interesse und keinerlei Unsicherheit.  Sie gefiel mir. Ich dachte:  “Dieses Junge zeigt gute Nerven, Interesse an fremder Umgebung, Neugierde, Unabhängigkeit und obendrein ist sie die schönste”.  Bevor Manfred sie zurück zu den anderen in den Pferch brachte, sagte ich Manfred, daß sie mir gefallen würde.  Manfred sagte nichts.  Er markierte sie nur mit einem roten Stift, sodaß wir sie während des restlichen Welpentests mit dem Schaf erkennen konnten. 

Zurück im Pferch zeigten die drei schwarz-hellbraunen Weibchen weiterhin reges Interesse an dem Schaf, jagten und packten es — während der vierte, ein Männchen mit dickem Fell, überhaupt kein Interesse am Schaf zeigte.  Nach einigen Minuten jagte das rot markierte Weibchen immer noch mit den beiden anderen dem Schaf nach, aber es versuchte nicht mehr, es zu packen.  Das rot markierte Weibchen war nur daran interessiert, mit de m Lamm zu spielen, nicht es zu besitzen.  Als das Lamm aufhörte zu rennen, verlor das markierte Weibchen allmählich das Interesse.  Während die anderen beiden schwarz-hellbraunen Weibchen weiterhin Interesse an dem stehenden Lamm zeigten, indem sie an ihm hochsprangen und es packten, ging das rot markierte Weibchen weg und erforschte den restlichen Pferch. 

Das Interesse im Auskundschaften der Umgebung, das mir an dem rot markierten Weibchen so gefiel, hätte mich warnen sollen, wie es Manfred warnte, daß dieses Junge zu leicht abgelenkt werden konnte.  Von den beiden schwarz-hellbraunen Jungen, die noch an dem Schaf interessiert waren, zeigte eines eine merklich größere Triebkraft und Hingezogenheit zum Schaf.  Manfred zeigte mir dann einen grünen Fleck, mit dem er das Junge markiert hatte.  Offensichtlich hatte Manfred es schon vorher als das beste von den verbleibenden vier Welpen ausgewählt.  Ich stimmte ihm zu — ich konnte den Unterschied sehen.  Eine Woche später, nachdem Manfred die anderen drei Welpen ihrem Besitzer zurückgegeben hatte, wiederholten wir den Test an den beiden dunkelbraunen und dem schwarz-hellbraunen Weibchen.  Alle drei zeigten sogar ein noch größeres Interesse am Schaf und den selben properen Griff.    

Worauf achtet Manfred bei den Welpen, das ihn wissen läßt, welche Welpen die rohen Instinkte haben, die für die Entwicklung des Verhaltensrepertoires notwendig sind, das wiederum nötig ist, den “Abgrenzungsinstinkt” zu entwickeln und erstklassige Hütehunde zu werden? 

Als erstes schaut Manfred auf die Intensität des Triebs (Interesse am Schaf) in den Welpen.  Behält der junge Hund sogar in extremen Situationen ein starkes Interesse am Schaf — zum Beispiel, wenn das Schaf entweder sill steht oder den Welpen körperlich herausfordert?  Manfred sucht nach einem Welpen, der starken Blickkontakt zeigt und einen hemmungslosen Trieb, der ihn nicht aufhören läßt zu packen, selbst wenn das Schaf ihn bekämpft und herausfordert. 

Zweitens sucht Manfred nach einem Welpen, der das Lamm NICHT anbellt.  Für Manfred ist Bellen ein sicheres Zeichen für Unsicherheit und ein Hinweis auf schwache Nerven. 

Drittens sucht Manfred nach einem Welpen, der es ernst meint — einer, der wirklich eine Verbindung mit dem Schaf aufnehmen will, der es besitzen will, ohne wenn und aber.  Er sucht nach einem Welpen, der so angezogen wird vom Lamm, daß ihn nichts ablenken kann. 

Warum sucht Manfred nach diesem intensiven Trieb, dieser Hingezogenheit zum Schaf und einwandfreien Nerven in seinen Welpen?  Warum ist es für den Welpen so wichtig, das Lamm nicht nur zu greifen, sondern auch es an den richtigen Stellen zu packen?  Manfred vergleicht den jungen Hund mit einem Kind, das noch nicht sprechen kann.  Wie weiß die Mutter, was ihr Baby mag, was es will oder wovon es angezogen wird?  Sie weiß es, weil es sich schnappt, wovon es angezogen wird und versucht, es in den Mund zu stecken. Der junge Hund tut dasselbe — er schnappt und beißt das Lamm, weil es ihn interessiert.  Das Verhalten eines Kleinkindes, sich etwas zu schnappen und in den Mund zu stecken, drückt die selbe Hingezogenheit aus, wie das Jagd- und Beißverhalten eines jungen Hundes.  Das Kind schnappt und steckt nicht in den Mund, wovon es nicht angezogen wird und ebenso verhält sich der junge Hund.  Deshalb ist der beste Weg, die Intensität der Hingezogenheit des Welpen zum Schaf zu ermitteln, der, die Intensität und Ausdauer des Antriebs eines Welpen, ein Lamm unter kontrollierten Bedingungen zu jagen und zu packen, einzuschätzen.  Mit kontrollierten Bedingungen meine ich die Art und Weise, wie Manfred seine Tests durchführt — mit einem dem Alter angemessenenLamm an einem sicheren Ort — auf keinen Fall, indem er ein halberwachsenes, wolliges Schaf mit sechs Wochen alten Welpen zusammen in einen großen Pferch gibt, um zu sehen, ob sie diese Erfahrung überleben.Besondere Aufmerksamkeit muß darauf verwendet werden, daß man nur dem Alter entsprechende Tests durchführt, um jede unnötige, negative Erfahrung zu vermeiden, die die natürliche Entwicklung der Instinkte und des Selbstvertrauens der Welpen dauerhaft schädigen könnte. 

Während der junge Hund wächst und heranreift, sollte diese Hingezogenheit zum Schaf erhalten bleiben und sich hoffentlich verstärken.  Jedoch sollte sich die Art und Weise, wie sich die Hingezogenheit zum Schaf ausdrückt, vom Jagd- und Beißverhalten der Welpen zum Kontroll- und Abgrenzungsverhalten eines erwachsenen Herdengebrauchshundes hin verändern.  Mit den richtigen, rohen Instinkten entwickelt sich, laut Manfred, diese Veränderung im Verhalten von alleine, selbständig und auf natürliche Weise — der Schäfer sollte nichts anderes zu tun haben, als sich zurückzulehnen und darauf zu warten, daß es passiert. Kontroll- und Abgrenzungsverhalten sollten sich zu entwickeln beginnen, nachdem der Hund 9-12 Monate alt ist.  Deshalb besteht Manfred immer darauf, daß er, wenn der Hund die richtigen Triebe und rohen Instinkte hat, wartet, bis der Hund ihm sagt, wann er bereit ist, seine Ausbildung zu beginnen.  Manfred tut nicht die Zeit festsetzen, wann er mit der Ausbildung des Hundes auf dem Feld beginnt — der Hund tut das selbst. 

Was habe ich in diesem Frühling gelernt, als ich Manfred beim Testen seiner Welpen am Lamm oder beim Arbeiten mit seinen Hunden auf dem Feld zuschaute?  Erstens lernte ich,daß ein junger Hund in sehr frühem Alter sein grundlegendes Triebniveau und sein Interesse am Schaf zeigt.  Ich beobachtete sechs Welpen, die verschiedene Grade von Trieb und Interesse am Schaf ausdrückten, von gering bis sehr hoch reichend.  Zusätzlich lernte ich, daß ein junger Hund in sehr frühem Alter die Neigung zeigt, ob und wie er seinen Trieb an Schafen benutzen kann und wird.  Ich beobachtete sechs Welpen, die ihre Triebe in unterschiedlichster Weise ausdrückten, von willkürlichem Spiel und Meidung bishin zu entschlossenem Besitzanspruch auf das Lamm.  In drei separaten Tests, die über eine Zeitspanne von einer Woche durchgeführt wurden, demonstrierte jeder Welpe konsequent sein eigenes Triebniveau und seine eigene Verhaltensanwendung dieses Triebs. Manfred wählte für sich nur die Welpen aus, die konsequent einen sehr hohen Trieb und einen entschlossenen Gebrauch dieses Triebs am Lamm zeigten.  Laut Manfred zeigen diese ausgewählten Welpen durch ihr Verhalten und ihren Trieb, daß sie die rohen, genetischen Instinkte haben, die sich höchstwahrscheinlich mit der Zeit in das natürliche Verhaltensrepertoire entwickeln, das zum Schafehüten notwendig ist. 

Zweitens lernte ich, als ich Manfred beim Testen und Arbeiten mit Frensi und Heika zuschaute, daß Manfred niemals versucht, einen Hund dazu zu zwingen, eine Leistung zu vollbringen, die über seine natürlichen Fähigkeiten hinausgeht.  Laut Manfred muß ein erstklassiger Hütehund gezüchtet werden, er kann es nicht allein durch Training werden.  Wenn Manfred die Arbeitsfähigkeit eines erwachsenen Hundes abschätzt, bietet er ihm eine Aufgabe an; er beobachtet den Hund bei der Ausführung der Aufgabe unter der Leitung seiner eigenen Instinkte; und dann führt er den Hund weiter durch die Aufgabe, um die potentielle Grenze der natürlichen Leistungsfähigkeit und bereitschaft des Hundes einzuschätzen.   Manfred hilft, lenkt und ermutigt den Hund , die Aufgabe mit seinen maximalen Fähigkeiten zu erfüllen, aber er zwingt ihn nicht, eine Leistung zu vollbringen, die über seine natürliche Bereitschaft und Fähigkeit hinausgeht.  Der Grund dafür ist einfach.  Die Arbeit des Schäfers auf dem Feld ist, seine Schafe zu hüten — der Schäfer hat seine eigenen Aufgaben zu erfüllen:  wenn ein Schaf krank wird, muß der Schäfer es behandeln; wenn ein Schaf lahmt, muß er ihm helfen; wenn ein Mutterschaf Junge bekommt, muß er sie von der Herde entfernen, usw. Während der Schäfer seine Aufgaben erfüllt, kann und will er nicht ständig auf seinen Hund aufpassen.  Der Schäfer muß wissen und darauf vertrauen können, daß sein Hund seine Arbeit von alleine macht — er muß darauf vertrauen, daß sein Hund die Herde innerhalb der angemessenen Grenzen hält und kontrolliert und daß sein Hund die Herde nicht beim Grasen stört.  Wenn ein Hund nur unter ständiger Stimmkontrolle und Leitung des Schäfers eine gute Leistung zeigt, wie Frensi es tut, aber nicht fähig ist, die Schafe selbständig zu bearbeiten, dann ist der Hund nicht sehr gut für den arbeitenden Schäfer.  Der Schäfer kann nicht seine Schafe hüten und gleichzeitig seinem Hund andauernd Anweisungen geben.  Kein Training und keine Führung in der Welt kann den rationellen Sinn für Entschlossenheit und Zuverlässigkeit im Hütehund so schaffen, wie es die richtigen Instinkte tun.  Der arbeitende Schäferhund muß die richtigen Instinkte haben, um seinem Trieb entschlossen Ausdruck zu geben — er muß das natürliche Verhaltensrepertoire entwickelt haben, das zum selbständigen Schafehüten notwendig ist.  Das ist der Grund, warum Manfred soviel Aufmerksamkeit darauf legt, die natürliche Fähigkeit und den natürlichen Instinkt in seinen Hunden einzuschätzen und zu fördern und warum er sich so darum kümmert, diese Instinkte während der Erziehung zu nähren und zu schützen — wenn sie durch einen einzigen Erziehungsfehler, eine einzige, unangebrachte Ermahnung geschädigt werden, kann der Hund für ihn unbrauchbar werden. 

Nikko and Manfred bringing the flock home. Nikko works only as close to the
sheep as necessary to keep them in order on the road — Germany 1991.
     

Comments are closed.