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Nickelsberg's Farm

German Shepherd Herding

Der Großherdenhütehund – Welpenauswahl & Grundlagenbildung


Emma von Fafnerhaus um 7 Wochen – erste Mal mit ein Lamm  

 Welpenauswahl & Grundlagenbildung

von Ellen Nickelsberg
Copyright Ranch Dog Trainer, 1999
Copyright Schutzhund USA, 1999
   

Es wurde bisher schon viel über die Hütevergangenheit des Deutschen Schäferhundes geschrieben.  Das erste Kapitel in Von Stephanitz’s Buch “Der Deutsche Schäferhund in Wort und Bild” gibt in exzellenter und vollständiger Weise die Geschichte sowohl der Hütezüchtungen als auch der Gründung des Schäferhund Vereins (SV) im Jahre 1899 wieder.  Es reicht wohl, wenn ich sage, daß die genetischen Wurzeln des Deutschen Schäferhundes in direkter Linie auf das Blut der Arbeitsschäferhunde auf den Feldern Deutschlands zurückgehen.  Die Schäferhunde dieser Gattung entwickelten sich über die Jahrhunderte hinweg aus den jagenden, schützenden, treibenden, hütenden und führenden Hunden, in dieser Reihenfolge.  Seit der Gründung des SV erwarb sich der Deutsche Schäferhund die wohlverdiente Anerkennung als vielseitigster Arbeitshund der Welt. Heute jedoch sind seine Eigenschaften, Schafe zu hüten, wegen seiner Erfolge auf vielen anderen Einsatzgebieten verringert worden.    

Von Stephanitz hatte schon Anfang dieses Jahrhunderts den Weitblick, zu erkennen, daß der Deutsche Schäferhund seine Gebrauchssphäre erweitern müsse, wenn er ein Arbeitshund bleiben sollte.  Die großen, florierenden Schafszüchtereien des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland verschwanden aus wirtschaftlichen Gründen und mit ihnen der Bedarf an Großherdenhütehunden.  Von Stephanitz nutzte seine militärischen Verbindungen, um vor dem 1. Weltkrieg für den Deutschen Schäferhund als vielseitigen Diensthund Werbung zu machen.  Die herausragenden Leistungen des Deutschen Schäferhundes als Wachhund, Bote und Schutzhund während des 1. Weltkriegs machten diese Züchtung weltweit bekannt. Das führte dazu, daß auf der ganzen Welt unter der Schirmherrschaft des SV Schäferhund-Züchter Clubs gegründet wurden.

Ich würde gerne etwas davon teilen, was ich über den Deutschen Schäferhund gelernt habe — über den einstigen, zum Hüten gezüchteten Deutschen Schäferhund von einem traditionellen Schäferveteranen, Manfred Heyne.

Manfred ist ein Schäfermeister, was bedeutet, daß er 12 Jahre lang unter einem Schäfermeister studiert, gelernt und gearbeitet hat und 2 Wochen dauernde mündliche, schriftliche und praktische Staatliche Prüfungen bestanden hat, um diesen Titel zu verdienen.  Zusätzlich zu seinen beruflichen Referenzen gewann Manfred das erste Bundesleistungshüten des SV im Jahre 1954 und siegte weiter 13 Mal, bevor er sich 1992 von den Wettbewerben zurückzog.  Niemand ist bisher an seinen Rekord herangekommen.  Manfred gelang die Flucht aus Ostdeutschland im Jahre 1953 mit seinem ersten Deutschen Schäferhund, den er selbst trainiert hatte — Erwin v.d. Sobrigauer Höhe 641855 SchHIII, HGH.  Manfred bekam Erwin als Welpen von seinem damaligen, Ostdeutschen Schäfermeister aus dessen bester Hütelinie.  Mit der Ausnahme von Erwin züchtete Manfred alle seine Bundesleistungshüten Champions selbst und jeder dieser Champions geht direkt auf Erwin zurück.  Die Züchtung jedes seiner Wettbewerbschampions war kein Zufall.  Es war das Ergebnis strikter und sorgfältig ausgewählter Züchtung und der Entwicklung einer leistungserprobten Methode des Welpentests.

In Manfred’s früheren Jahren wurde der Deutsche Schäferhund von Schäfern gezüchtet, um, viel häufiger als heutezutage, große Herden mit mehr als 600 Schafen zu kontrollieren.  Die Kontrolle von großen Herden erfordert nicht nur Hunde mit geeigneten Instinkten, sondern auch Hunde mit Mut und starken Nerven.Solche Hunde wurden verwendet, wo große Herden in relativ kleinen Grasgebieten zusammengehalten und von benachbarten Getreidefeldern ferngehalten werden mußten.  Die Arbeit des Hütehundes bestand primär aus Grenzpatrouillen oder dem Zusammenhalten der Herde.  Weil der Schäfer für jegliche Schäden aufkommen mußte, die durch seine Schafe entstanden, konnte er es sich nicht leisten, einen Hund zu halten, der die Eingrenzungsarbeit nicht beherrschte.   

Dieser Großherdenschäferhund mußte nach seinem starken Beuteinstinkt bzw. -trieb ausgewählt werden.  Ein starker Trieb ist die Grundlage für die Aufrechterhaltung einer hohen Arbeitskraft im Hund, während er mit den Schafen arbeitet.  Wie der Hund seine natürlichen Triebe ausdrückt oder ausdrücken darf, während er mit den Schafen arbeitet, veranschaulichen die grundlegenden Unterschiede zwischen Großherdeneingrenzungsarbeit und anderen Kleinherdenhütepraktiken.  Daraus folgt, daß man bei der Auswahl eines guten, potentiellen Welpen für das Hüten von Großherden zunächst wissen muß, wie man seine Triebe und sein daraus folgerndes Triebverhalten, das für diese Art von Hütearbeit notwendig ist, erkennen und wie man am besten den eigentlichen Charakter, die Beschaffenheit der Nerven und das Temperament des zukünftigen Hütewelpen ermitteln kann. 

Über die Jahre hinweg züchtete Manfred nur für seinen Eigenbedarf.  Er hielt mindestens zwei erfahrene, männliche Arbeitshunde und einen oder zwei junge Hunde in der Ausbildung.  Wenn er seinen Hundebestand ergänzen mußte, suchte er nach einer Hündin, die er mietete oder kaufte, nachdem er sie nach ihrer Arbeitsleistungsfähigkeit überprüft hatte.  Bevor er die endgültige Zuchtentscheidung traf, arrangierte er es, mit der Hündin mindestens einen Monat lang zu arbeiten, um sicher zu sein, daß sie die Instinkte besaß, mit denen er seine männliche Linie ergänzen wollte.  Laut Manfred muß ein Spitzenarbeitshund gezüchtet werden, eine Ausbildung allein kann das nicht erreichen.   

Wenn ein Wurf geboren wurde, verbrachte Manfred vom ersten Tag an soviel Zeit wie möglich mit ihm, damit die Welpen sich an ihn und den Ton seiner Stimme gewöhnen konnten.  Der Welpentest begann nach circa 3 Wochen. Die folgenden Punkte zeigen eine Auswahl seiner Welpentests:   

1. Nach drei bis vier Wochen setzt man einem hungrigen Wurf einen Napf mit Futter vor. Wenn die Welpen gerade fressen und ganz auf die Nahrung fixiert sind, verursacht man ein plötzliches, lautes Geräusch in ihrer Nähe, aber außerhalb ihrer Sichtweite. Das wiederholt man mehrmals und merkt sich jene Welpen, die gleichbleibend kein Interesse für das Geräusch zeigen.

2. Nach ungefähr vier bis sechs Wochen ruft man die Schäferhund-Welpen, um zu sehen, welche konsequent zu einem kommen.  Man notiert sich jene Welpen, die einem vom Verhalten her das größte Interesse bzw. die größte Anziehung zeigen.

3. Von der vierten bis siebten Woche stellt man jeden zweiten Tag ein Lamm zum Wurf. Man beginnt mit einem sehr jungen Lamm und steigert die Größe des Lamms, während die Welpen heranwachsen.  Dabei merkt man sich jene Welpen, die eine intensive Anziehung zum Lamm signalisieren, zum Beispiel jene, die sich dem Lamm schwanzwedelnd und mit starkem Augenkontakt nähern.  Man wiederholt diesen Test jeden zweiten Tag für ca. drei Wochen, um herauszufinden, ob das Interesse mit der gleichen Intensität aufrechterhalten wird.

4. Nach sieben Wochen setzt man ein älteres Lamm zu den Welpen, um zu beobachten, welche das Lamm ständig nur mit den erlaubten Griffen packen:  dem Genickgriff, dem Rippengriff und dem Keulengriff.  Man entfernt jene Welpen, die an den falschen Stellen packen.

5. Von der achten bis zwölften Woche testet man jeden Welpen einzeln, der die vorangegangenen Tests an dem größeren Lamm bestanden hat.  Die Größe des Lamms, das für die Einzeltests verwendet wird, sollte vom Mut und von der Aggressivität des Welpen abhängen — das Lamm sollte eine wesentliche Herausforderung und einen gewissen Grad an Stress für den Welpen darstellen.  Vergessen Sie nicht, daß der Welpe immer noch Milchzähne hat, die sich nicht durch das dicke Fell eines größeren Lamms beißen können.  Dieser Test ist dafür da, um zu sehen, ob der Welpe den Trieb, die Nerven, das Temperament und den Mut hat, sich mit einem großen Lamm — vorzugsweise einem Schafbock — anzulegen und es zu “unterwerfen”.

Bevor sich jedoch jemand aufregt, weil er glaubt, diese Tests wären ein Mißbrauch gegenüber dem Lamm oder den Welpen, lassen Sie mich erklären, daß die Tests, die ich hier beschreibe, mit dem Alter und der Größe angemessenen Lämmern mit dicker Wolle durchgeführt werden.  Der Gebrauch von zu großen Lämmern wäre ein Mißbrauch an den Welpen und der Gebrauch von zu kleinen Lämmern ein Mißbrauch am Lamm.  Welpen mit Milchzähnen können nicht durch die Wolle eines alters- und größenangemessenen Lamms beißen und ihm Schaden antun.  Die einzige Möglichkeit, wie ein Welpe dieses Alters ein Lamm verletzen könnte, wäre, es absichtlich ins Gesicht oder die Ohren zu beißen oder ihm an die Unterbeine zu gehen, die nicht mit Wolle geschützt sind — falls ein Welpe solch ein Verhalten zeigt, wird er sowieso aus dem Test herausgenommen, da dieses Verhalten bei der Auswahl eines Deutschen Schäferhundes zum Großherdenhüten ausgemustert werden muß.  Merken Sie sich bitte, daß es genauso viel sagt über das Hütepotential und weit weniger riskant ist, das Packen, den Trieb und anderes Beuteverhalten an einem Welpen zu testen, als zu versuchen, die gleichen Qualitäten später an einem älteren Hund zu testen, zumal ein älterer Hund fähig ist, ernsthaften Schaden am Schaf anzurichten.   

Was verrät uns der Welpentest mit einem Lamm über die genetische Veranlagung des Welpens durch den Griff?  Wenn man anfängt, den gesamten Wurf in einem Pferch zusammen mit einem Lamm zu testen, sieht man, wie unterschiedlich jeder Welpe mit dem “Stress” fertig wird, in einer Situation, die für den Welpen “attraktiv” sein sollte.  Das Verhalten der Welpen wird sich irgendwo zwischen vollständiger Vermeidung und höchster Anziehung bewegen — zuerst mit den Augen und dann mit dem Mund — und überall dazwischen. Haben die Welpen einmal gezeigt, wer von ihnen den Trieb, das Temperament und den “Mut” hat, die Anziehung zum Lamm weiterzuführen, indem er es packt (beißt), der wird von nun an individuell getestet.   

In diesen Tests öffnet sich einem die ganze Welt des Instinkts und man kann häufig die ganze Reichweite des genetisch verursachten Verhaltens eines kompletten Wurfs beobachten.  Die Unterschiede im Verhalten Einzelner in der Gruppe sind tatsächlich hilfreich, den Trieb und das Temperament eines jeden Welpen offensichtlicher zu machen.  Hat man einmal bestimmt, welche Welpen den Trieb und das Temperament haben, das ihnen ermöglicht, das Lamm durch Packen und Festhalten zu besitzen, kann man jeden Welpen individuell testen, um genau zu erkennen, welchen Griff jeder Welpe genetisch mit sich bringt.  Genau diesen Griff wird der Welpe bis ins Erwachsenenalter beibehalten.  Und genau dieser Griff zeigt, wie der Biß unter Stress und Hochdruck sein wird, wenn der Hund in höchstem Trieb ist — und zwar in jeglicher Art von Trieb.  Diese Welpentests zeigen, welche Welpen einen mehr oder weniger hektischen Biß (schadend), welche einen oberflächlichen (schadend) und welche einen Biß mit dem gesamten Maul (richtig) haben werden und, am wichtigsten, welche Welpen das Schaf festhalten, komme was wolle, und mit aller Macht darum kämpfen, nicht locker zu lassen — und welche nicht.  Während der Testperiode wird man sehen, wie jeder Welpe ein äußerst starres Muster entwickelt, in dem der Biß und das Verhalten in einer Bißsituation jeden Tag und jede Woche beständiger wird und wie er, wenn er die Möglichkeit erhält, den selben Test mit neun Monaten oder einem Jahr zu verrichten, GENAU diesselbe Vorführung zeigt wie mit acht bis elf Wochen.  Während der vielen Wochen der Welpentests beobachtete Manfred andauernd, wie jeder einzelne Welpe sich ihm gegenüber verhält und auf den Tonfall seiner Stimme reagiert. Die Wichtigkeit dessen wird später in der Diskussion um die offizielle Erziehung des Großherdenhütehundes auf dem Feld sichtbar werden.   

Der beste ,zukünftige Großherdenhütewelpe, den ich jemals beim Testen sah, sprang sofort auf den Schafbock hinauf, weil er das Genick des Lamms nicht erreichen konnte, ohne auf seinen Hinterpfoten zu stehen und griff das Lamm, mit seinen Vorderpfoten auf dem Rücken des Lamms, am Genick mit dem gesamten Maul.  Das Lamm begann sofort zu bocken, schüttelte sich, warf den Welpen ab auf seine vier Pfoten, drehte ihn mit einem Mal um 180 Grad und schmiss sich dann schroff in den Welpen, der immer noch das Genick im Griff hatte und warf ihn gewissermaßen auf seinen Rücken, während dieser immer noch am Lamm festhielt.  An diesem Punkt konnte man den Welpen lauthals knurren hören, bis er sich nach und nach von der rechten Seite wieder hocharbeitete.  Der Welpe ließ dabei niemals den Griff los.  Am Ende blieb das Lamm einfach stehen und hielt inne.  Der Welpe stand auf seinen Hinterpfoten mit seinen Vorderpfoten wieder auf dem Rücken des Lamms und ließ los, während er immer noch über dem Genick des Lamms stand.  Der Welpe hatte genug Vertrauen, loszulassen und genug Instinkt, in Kontrollposition zu bleiben, bereit, erneut zuzupacken, falls das Lamm versuchen sollte, zu entkommen — was es auch tat, aber der Welpe war bereit und konnte wieder zupacken.  Dieser Welpe wollte das Lamm auf jeden Fall besitzen.  Dieser Welpe zeigte das mit 10-11 Wochen und zeigte diesselbe Intensität und dasselbe Verhalten, als er mit sechs Monaten erneut getestet wurde, bevor er sein neues Leben auf einer großen Schaffarm in Deutschland begann.  /span> 

Welpentest mit einem 11 Wochen alten Welpen, der gerade einen Schafbock mit dem gesamten Maul am Genick packt.

Manfred entwickelte diese Methode, seine Welpen zu testen, um ihm die genaue Auswahl der Hunde mit starkem, natürlichem Beutetrieb, dem Schafehüten angemessen, mit Selbstvertrauen und der Bereitwilligkeit, den Schäfer als Meuteführer zu akzeptieren, zu erleichtern.  Er wählt für sich selbst nur die Welpen aus, die seine Testanforderungen 100%ig erfüllen — wenn kein Welpe 100%ig ist, behält er keinen.  Obwohl Manfred seine Welpen von Anfang an bewertet, gesteht er ein, daß er nur das Beste hoffen kann, weil er nicht glaubt, daß der Charakter eines Hundes oder das Potential für die Arbeit völlig festgelegt sind, bevor der Hund drei Jahre alt ist.  Er glaubt jedoch, daß mit zwei Jahren die Eigenschaften des Hundes zu 75% ausgeprägt sind. 

Es muß auch daran erinnert werden, daß ein arbeitender Schäfer, der eine große Herde leitet, von einem Hund mehr fordern muß als ein Hobbyschäfer, der versucht, eine relativ kleine Herde zu führen.  Ein Großherdenschäfer muß sich sicher sein, daß sein Hund die Konzentration und Verläßlichkeit beim Schafehüten jeden Tag den ganzen Tag lang beibehält — nicht nur, wenn der Hund in Sichtweite des Schäfers ist, sondern auch ausserhalb dessen Sichtweite.  Laut Manfred ist diese Konzentrationsfähigkeit nur bei Hunden mit höchsten Instinkten, Trieben und “Schafsfieber” ausgeprägt.  Jeder Hund mit einem geringen Maß an Interesse am Schaf (Schafsfieber) kann zum Hüten ausgebildet werden, aber dieser Hund wird niemals die Konzentration oder die Verläßlichkeit aufbringen können, wie einer mit optimalem Trieb und Schafsfieber.  

Nach der Auswahl eines Welpen ist der nächste, wichtige Schritt die Ausbildung.  Die Grundlagen der Ausbildung sind die Akzeptanz des Schäfers als Meuteführer durch den Hund und das Verständnis des Hundes für dessen Sprache als Mittel der Verständigung. Deshalb ist es so wichtig,  Welpen von Geburt an den Bedeutungen der menschlichen Stimmlage auszusetzen.  Welpen müssen von klein auf den Veränderungen und Nuancen der Stimme des Schäfers ausgesetzt sein — die zufriedene, zärtliche Stimme (brav/gut) und die unzufriedene, barsche Stimme (pfui/schlecht).  So wie Welpen die Bedeutung der Stimmlage der Mutter lernen, muß die Stimme des Schäfers als Mittel der Anerkennung und des Tadels in der Ausbildung des Schäferhundes gelernt und verstanden werden — nicht die Hand oder der Stock.  Wenn sich der Schäfer von Anfang an durch Vertrauen und Glaubwürdigkeit als Meuteführer etabliert und er den Hund daran gewöhnt hat, die Bedeutung der Stimmlage zu verstehen, besteht keine Notwendigkeit für körperliche Bestrafung.  Während des frühen Mitnehmens zu den Schafen auf das Feld wird der Hund an die Leine genommen — aber die Leine darf nur in Verbindung mit der Stimme eingesetzt werden, um den Hund zu führen, nicht um ihn zu bestrafen. Der Hund wird erst dann von der Leine gelassen, wenn er gelernt hat, die Schafe als untergebene Mitglieder seiner Meute zu betrachten – sie zu verteidigen und in Ordnung zu halten — und bis der Hund die Bedeutung der Eingrenzung versteht — und zwar, daß die Schafe sich nur innerhalb einer Begrenzung aufhalten dürfen und daß Schafe, die sich ausserhalb befinden, wieder hineingetrieben werden müssen.

Während des ersten Jahres muß die Gehorsamkeitsarbeit und die Verständigung durch die Stimme in einer spielerischen Ausbildung erfolgen. Die frühe, spielerische Ausbildung sollte darauf abzielen, Vertrauen zu bilden, sowie Treue und Achtung zwischen Hund und Schäfer zu wecken: der Hund wird gelobt, wenn er zufällig das Richtige tut; ihm wird keine Beachtung geschenkt oder er wird friedlich zurechtgewiesen, er wird aber nie bestraft, wenn er zufällig etwas falsches macht.  a der Hund das Bedürfnis hat, zu gefallen, wird er sich schließlich selbst korrigieren. Es werden nur Korrekturen mit der Stimme gemacht und dem Hund muß immer wieder die Gelegenheit eingeräumt werden, Dinge selbständig zu erarbeiten.  Die ernsthafte Ausbildung kann beginnen, sobald der Hund ein Jahr ist.  Wenn der Hund den gewünschten Instinkt besitzt, kann er mit jedem Alter mit den Schafen konfrontiert werden.  Eine ernsthafte Ausbildung sollte erst dann beginnen, wenn der Hund zeigt, daß er dazu in der Lage ist — der Zeitpunkt dafür variiert von Hund zu Hund.   

Laut Manfred Heyne ist in der Ausbildung eines Schäferhundes kein Platz für Gewaltanwendung oder Bestrafung.  Wenn während des ersten Jahres eine anständige, soziale Grundlage und Beziehung zwischen dem Schäfer und dem Hund gebildet worden ist, sollte es keinen Anlaß für harsche Korrekturen geben.  Gewaltanwendungen und rohe, körperliche Züchtigungen dienen nur der Schwächung oder gar Zerstörung des Selbstvertrauens, des Vertrauens in den Schäfer, der Bereitwilligkeit, seinen eigenen Instinkten zu folgen und der höchstwichtigen Fähigkeit, selbständig zu arbeiten — Qualitäten, die unersetzbar sind in einem Großherdenhütehund.  Vor allem darin liegt der eigentliche Grund für den Instinkttest:  wenn ein Hund den Instinkt, Trieb und das Schafsfieber hat und den Schäfer als Meuteführer zufriedenstellen will, müssen diese Instinkte lediglich in die richtigen Bahnen gelenkt werden.  Gewaltanwendung kann den Instinkt, den Trieb und das Schafsfieber nicht hervorbringen, sie führt nur zu deren Verformung und Unterdrückung.   

Schafehüten sollte nicht lediglich zu einer Anzahl von Übungen in Gehorsamstraining werden:  es sollte vielmehr eine Zusammenarbeit zwischen dem Schäfer und seinem Hund sein. Gehorsam ist das Fundament, auf das die Beziehung beim Hüten aufgebaut ist; jedoch muß der Gehorsam völlig aus dem Respekt des Hundes vor dem Schäfer resultieren und nicht aus der Furcht vor ihm.  Der von ihm erwartete Gehorsam muß dem Hund im Zusammenhang mit der Hütearbeit, die von ihm verlagt wird, sinnvoll erscheinen, ansonsten bildet der Schäfer eine gegnerische Beziehung zwischen ihm und dem Hund.  Dem Hund muß es erlaubt sein und er muß auch ermutigt werden, mehr nach seinen eigenen Instinkten zu arbeiten als nach den Kommandos des Schäfers.  Das erfordert Geduld und manchmal etwas mehr Zeit am Anfang.  Je stärker der Instinkt, um so besser wird der Hund dazu geeignet sein, mit Schafen zu arbeiten und um so weniger muß er sich auf Befehle verlassen.   

Die Schäferhundausbildung sollte zu 100% auf den Instinkten des Hundes aufgebaut werden.  Manfred’s Welpentests erlauben ihm die Auswahl eines Hundes mit hohem Trieb und einem starken Beuteinstinkt und sie erlauben ihm auch, einen Hund auszusuchen, der eine gleichermaßen starke Bereitwilligkeit zeigt, ihn als Meuteführer zu akzeptieren.  Eine ausgeglichene Balance zwischen diesen Trieben und Instinkten ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Weiterleitung der kompletten Energie des Hundes auf das Schafehüten:  diese Balance macht es möglich, daß die natürliche Beuteenergie des Hundes auf den Dienst am Schäfer gelenkt wird, ohne diesen Energiefluß durch den Gebrauch von Zwang zu hemmen oder zunichte zu machen.   

Diese Fähigkeit des Großherdenhütehundes, sebständig und verläßlich, ohne Befehle und in großer Entfernung zum Schäfer, zu arbeiten, waren es, die Von Stephanitz’ Interesse und Phantasie erweckten und sein Herz höher schlagen ließen.  Die alten Schäfer wußten, wonach sie suchen und auswählen mußten beim Züchten eines solchen Hundes.  Aber die Hütearbeit selbst war es, die ihnen ermöglichte, zu erkennen, welche Hunde die eigentlichen, genetischen Veranlagungen zur Ausführung dieser Arbeit hatten — und welche nicht.  Großherdenhüten ist keine spezielle Aneinanderreihung von vorgegebenen Übungen, die der Hund erlernen muß und zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Art und Weise auf Befehl tun muß — im Gegenteil, Großherdenhüten besteht aus Aufgaben, die der Hund können und selbständig zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten und wahllos den ganzen Tag lag, wenn nötig, ausführen muß.  Diese Schäferhunde wurden gezüchtet, um “Probleme zu lösen” — sie wurden gezüchtet, fähig zu sein, eine “Arbeit zu erledigen”, ohne daß man ihnen jeden Schritt auf dem Weg erklären muß. Das Geschenk des Großherdenhütehundes an den Deutschen Schäferhund war seine Intelligenz, seine Fähigkeit, selbständig und verläßlich MIT dem Schäfer zu arbeiten und sein genetisches Gleichgewicht an Trieben, Nerven und Temperament.  Diese Gaben machten den Deutschen Schäferhund eines Tages zum besten Arbeitshund der Welt.  Welch besseren Grund gäbe es also, als zu versuchen, das genetische Gleichgewicht zu verstehen, das die alten Schäfer kannten und wonach sie züchteten und das uns diese Schäferhunde gab.  

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