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Von
Jürgen Rixen
und Ellen Nickelsberg
Manfred
Heyne ist jetzt 74 Jahre alt. Die meiste
Zeit seines Lebens hat der Schäfermeister
mit Schafen und Deutschen Schäferhunden
verbracht. Er ist der erfolgreichste Züchter
und der erfolgreichste Ausbilder im Verein
für Deutsche Schaferhunde. Aber kaum
jemand kennt ihn. Das war für Der Gebrauchshund ein
wichtiger Grund, ihn in seinem Heimatdorf
Wartenberg (Hessen) zu besuchen und von
ihm etwas über die ursprüngliche
Arbeit des Deutschen Schäferhundes
zu erfahren. Schutzhundleistungssportler
und Züchter zitieren oft und gerne
den Grander des SV. Aber welche Einstellung
hatte von Stephanitz? In seinem Buch „Der
Deutsche Schäferhund in Wort und Bild” kann
man es nachlesen: „Des Schäferhundes
eigentlicher und vornehmster Beruf ist
freilich der Hütedienst bei der Herde,
und zwar wie sein Name besagt, bei der
Schafherde.”
Manfred
Heyne stammt aus Meissen (Sachsen) und
hatte schon als kleiner Junge bei seinem
Opa Ziegen und Schafe kennen gelernt und
besonders die kleinen Lämmchen faszinierend
gefunden. Er erinnert sich noch gut, dass
er als vielleicht sechsjähriger Bub
zu Weihnachten einen kleinen Pferdestall
aus Holz geschenkt bekam.,,Wissen Sie,
was ich getan habe? Ich habe die zwei Pferde
und den Wagen unters Bett geschoben und
habe mir dann im Frühjahr Weidenkätzchen
gepflückt. Die habe ich in den Stall
gelegt. Das waren meine Schäfchen!"
Mit 16 Jahren begann er dann seine Lehre
bei Schäfermeister Walter Lorenz.
Er lernte bei einem der Besten. Lorenz
war Reichssieger,
später zweifacher DDR- und zehnfacher
Landessieger Sachsen im Hüten. Nach seiner
Lehre – Heyne hatte gerade die Gehilfenprüfung
bestanden – traten er und sein Lehrmeister
Lorenz bei Heynes erstem Leistungshüten
an. Das Endresultat dieses Wettbewerbes liess
die anderen Schäfer beschämt verkünden,
dass sie eigentlich nicht mehr anzutreten brauchten.
Meister Lorenz gewann, Gehilfe Heyne kam auf
den zweiten Platz!
Als
Walter Lorenz 1943 Reichssieger im Hüten
geworden war, hatte man ihn zu einer Ehrung
auf die Albrechtsburg in Meissen geladen.
Der gesamte Burghof war mit Parteimitgliedern
und SA gefüllt. Als Lorenz dann zu
seiner Ehrung hervortreten sollte, schrie
der GAU-Leiter ins Mikrofon: „Warum
sind Sie noch nicht in der Partei?” Lorenz
bekam einen roten Kopf und rief zurück: „Wenn
Sie mich das fragen wollten, dass hätten
Sie mir auch früher sagen können!”
Daraufhin drehte er sich um und verliess
flotten Schrittes den Burghof. Als Folge
dieses „Ungehorsams” drohte
das KZ. Dies wurde durch Einflussnahme des
bekannten SV-Züchters Willi Hantsche (vom
Burg Fasanental, Züchter vieler
Hütehunde) gerade so eben noch vermieden.
Als Alternativ-,,strafe" musste Lorenz'
Hund Clothar von Erlingshofen alle
vier Wochen zwei Hündinnen einer Diensthundestaffel
kostenlos decken. Hitlers Hündin Blondie
soll aus einer dieser Verbindungen stammen
...
Clothar
von Erlingshofen wäre
bei Kriegsende beinah erschossen worden.
Russische Soldaten tauchten vor seinem
Zwinger auf und schossen hinein. Der
Rüde wurde an der linken Ohrmuschel
getroffen und litt noch Jahre später
an eitrigem Ausfluss. Aber auch diese
Situation bekam sein Herrchen Lorenz
in den Griff.
Nach
Ende seiner Lehrzeit bekam Manfred Heyne
von seinem Lehrmeister einen Enkel dieses Clothar
von Erlingshofen geschenkt, den
Rüden Erwin von der Sorbigauer
Höhe. Einige Jahre und Arbeitsstellen
später, 1952, — die DDR war
inzwischen gegründet — flatterte
Heyne der Stellungsbefehl für die
Volks-polizei ins Haus. Da gleichzeitig
ein Enteignungsverfahren gegen seinen Chef
lief, beschlossen die beiden, aus der DDR
zu flüchten.
Von Marlow ging es nach Rügen. Dort
hatte der Chef eine Freundin. Auf Rügen
wollte Heyne sich aber nicht verstecken. „Nach
Rügen gibt es nur einen Weg, über
einen Damm. Da wollte ich nicht bleiben. Das
war mir zu gefahrlich.” Es ging weiter
nach Ost-berlin. Weitläufige Verwandte
des Chefs brachten die beiden dann mit der
U-Bahn ins Flüchtlingslager nach Berlin-Reinickendorf.
Dort verkündete die Lagerleitung nach
einigen Tagen, dass den Flüchtlingen zwei
Tage später die Ost-Ausweise abgenommen
würden. Ein grosses Problem für Heyne,
denn er hatte seinen Hund Erwin bei Bekannten
in Marlow zurückgelassen. Er setzte sich
kurzerhand in die U-Bahn und machte sich auf
den Weg, Erwin zu holen. „Das waren alles
so Kurzschluss-Entscheidungen, die wir da getroffen
haben.”
Im
Flüchtlingslager wetteten
die Leute ob seiner Rückkehr — die
meisten gaben ihm keine Chance.
Mit
dem Zug fuhr er bis Rostock und setzte
sich dort in ein Taxi. „Zum Glück
hatte ich ein bisschen Geld bei mir.” Zwei
Ortschaften vor Marlow begann Heyne dann
dem Taxifahrer zu berichten, warum sie
nach Marlow fuhren. „Da hat er mir
erst einmal Geld abgenommen, damit er schweigt
und mich nicht ausliefert.” Bei den
Bekannten in Marlow angekommen, musste
Heyne erschüttert feststellen, dass
die seinen Hund auf einen Bauernhof nach
Ribnitz-Damgarten gegeben hatten. Also
ging die nacht-liche Fahrt im Taxi weiter. „Die
Nacht wurde zur Ewigkeit.” Er fand
seinen Hund, packte ihn ins Taxi und zurück
ging es nach Rostock.
Aber wie nun wieder nach Berlin kommen?
Seine Bekannten hatten ihm berichtet, dass
er und
sein Chef überall gesucht würden. „Mit
der Bahn wollte ich nicht fahren. Dort waren
zu viele Kontrollen. Ich entschloss mich,
mit dem Bus zu fahren.”
Aber als Heyne die Tür des Busses nach
Berlin öffnete, schoss der Schrecken durch
seine Glieder. „Der ganze Bus war voller
Leute aus Marlow. Die wollten alle nach Berlin
einkaufen fahren.” Er rannte so schnell
wie möglich davon.
Heyne
fuhr doch mit dem Zug. Allerdings waren
die Züge damals streng überwacht.
Jeweils ein Volkspolizist und ein russischer
Soldat fuhren zwei Stationen mit, stiegen
aus und fuhren mit dem Gegenzug wieder
zurück. Alle Personen mit viel Gepack
oder Familien
wurden der Flucht verdachtigt und verhaftet.
Heyne liess sich eine List einfallen, um
ungehindert durch diese Kontrollen zu
kommen. „Ich bin zum Zugführer
gegangen und habe ihm erzählt, dass
ich nach Ostberlin zur Volkspolizei müsse.
Diese hätten den Hund gekauft. Aber
er sei sehr bissig. Haben Sie nicht ein
leeres Dienstabteil für mich?”
Heyne
bekam sein Dienstabteil und setzte sich
mit seinem Hund direkt vorne an die Tar.
Er griff dem Tier ins Halsband, und jedes
Mal wenn ein Polizist oder ein Soldat am
Abteil vorbeiging, fasste er fester zu
und flüsterte seinem Hund „Pass
auf” ins Ohr. Wenn dann ein Soldat
die Tar offnete, bellte und knurrte der
Rüde. Die Tür flog wieder zu,
und Heyne kam unbeschadet nach Berlin.
Eine
spannende Geschichte, nicht wahr? Aber
warum wird sie in der Fachzeitschrift Der
Gebrauchshund abgedruckt? Nun, die
Antwort ist recht einfach. Mit Erwin,
dem Hund, den Manfred Heyne unter Lebensgefahr
aus der DDR herausholte, gewann er 1954
zum ersten Mal das SV-Bundes-leistungshüten.
Mit einem Sohn dieses Rüden gewann
er 1959 zum zweiten Mal diesen Hütewettbewerb.
Und mit einem Enkel gewann er 1963! Und
so weiter und so fort ...
Manfred
gewann 13-mal das SV-Bundesleistüngshuten:
Drei
Millionen Schafe werden in Deutschland
zur Fleischproduktion und zur EU-subventionierten
Pflege der Landschaft gehalten. Die Wollproduktion
spielt nur eine untergeordnete Rolle.
Um
grosse Schafherden auf einem Gelande ohne
Einzäunung weiden zu lassen, benutzt
der Schäfer Hütehunde. Von diesen
Hütehunden wird verlangt, dass sie
die Grossherden auf der Strasse zusammenhalten,
wenn sie von einem Ort zum anderen ziehen,
und dass sie die Herden in den vorgesehenen
Grenzen halten und von wertvollen Getreidefeldern
fern halten, während sie tagsüber
grasen.
Eingrenzungsarbeit ist die Hauptaufgabe
eines Hütehundes in Deutschland. Möglichst
selbststandig und unermüdlich soll er
die Herde umkreisen -- ohne die Schafe beim
Grasen zu stören. Heyne: „Ein Schäferhund
muss ,grundehrlich` sein. Ich hatte schon einmal
einen Hund von einem anderen Schäfer hier,
der hatte ein Lamm getötet. Wir standen
auf der anderen Seite und haben es noch nicht
einmal bemerkt. So etwas darf nicht sein.”
Es
stellt sich nun aber die Frage, wie dem
Hütehund seine Aufgabe vermittelt
wird. Manfred Heyne lachte, als ich ihm
diese Frage stellte. „Das ist Genetik,
Erbmasse. Die meisten Züchter wissen
doch nicht, dass ein Hund so etwas in sich
haben kann.”
Aber auch viele Schafer ver-trauen heutzutage
lieber dem Elektrozaun oder irgendwelchen Mischlingen.
,,Viele Schäfer haben überhaupt keine
Vorstellung mehr, wie ein genetisch veranlagter
Hüte-hund arbeiten muss. Die brauchen
für die kleinste Arbeit — und wenn
es nur fünf Schafe sind — zwei Hunde.
Da finde ich keine Worte mehr. Meistens ist
es doch so: Die haben so einen Köter dabei,
der schiesst an der Herde entlang und kläfft.
Am Ende gibt er einem Schaf noch einen Denkzettel
mit und kommt dann wieder zurück. Und
das soll dann der gute Hütehund sein.
Siehe das LG-Hüten 2003 in Hessen. Der
Hütehund trieb ein Schaf ab, alle Anwesenden
schrien ,Pfui', und der Ober-richter und sein
Kollege mussten das Schaf befreien."
Heyne
schwärmt vom guten Schaferhund. „Der
Hütehund, den Sie heute hier mehrere
Stunden demonstriert bekommen, der keine
Hilfen braucht, der bei der Arbeit lacht,
der weiss, warum er bei der Arbeit ist
und nicht mit Stachelhalsband und Teletakt
zu einer gewissen Leistung gebracht wird.”
Es sind zwei Triebe, die ein Hütehund
haben muss. Nicht nur, um im täglichen
praktischen Schafehüten Erfolg zu haben,
sondern auch um sich bei Herdengebrauchshund-Wettbewerben,
die eine selbststandige Leistung verlangen,
auszuzeichnen. Das sind totale Hingezogenheit
zum Schaf und „genetischer Gehorsam”.
Diese Triebe sind genetisch, können selektiv
gezüchtet werden und sind Ausdruck des
Beuteinstinkts. Je höher und ausgeglichener
diese Triebe sind, desto höher ist das
Niveau der Leistung, das ein erfahrener Schäfer
ohne zwanghafte Ausbildung hervorbringen kann.
„ Totale Hingezogenheit zum Schaf” ist
ein spezifischer und konzentrierter Aspekt des Beuteinstinkts.
Es ist eine intensive, beinahe zwanghafte Form des
Beutetriebes, was sich in Verhaltensformen wie ein
Schaf zu besitzen und zu kontrollieren ausdrückt,
bis hin zum Ausschluss aller anderer Beuteobjekte.
Ein beispielhafter Hund mit diesem grossen Trieb ist
der, der sich in der Gegenwart von Schafen um nichts
und niemanden kümmert als urns „Schafezählen” und
der, der buchstäblich vor Vergnügen „lacht”,
wahrend er mit den Schafen arbeitet. Man kann diesen
Trieb gut erkennen, wenn man das Verhalten eines selektiv
ge-züchteten Hütehundes beim Patrouillieren
der Begrenzung einer Weide beobachtet. Der Hund bewegt
sich energisch entlang der Abgrenzung, er konzentriert
sich total auf die Schafe auf der Weide – wobei
er sie niemals aus den Augen verliert, selbst bei einem
Richtungswechsel, und seine Rute zeigt während
der Arbeit nach oben. „Totale Hingezogenheit
zum Schaf” ist der Treibstoff, der den Hund den
ganzen Tag unermüdlich arbeiten lässt – je
gröBer der Trieb, desto höher die Oktanzahl.
„Genetischer
Gehorsam” drückt sich aus in
der Bereitwilligkeit, den Schäfer
zufrieden zu stellen und den Schäfer
als Führer zu akzeptieren. „Genetischer
Gehorsam” ist der Brems und Lenkmechanismus,
den der er-fahrene Schäfer benutzt,
um die hohe Triebkraft und die natür-lichen
Verhaltensweisen, die einen Hund zum Hüten
bringen, aus dem Beuteinstinkt herauszu-leiten.
Einem Hund mit „geneti-schem Gehorsam” braucht
vom Schäfer nur gezeigt werden, welche
Arbeit gemacht werden muss, und, wenn er
es einmal verstanden hat, erledigt er die
Aufgabe bereitwillig, zuverlässig
und vor allem selbstständig das ist „Erziehung”.
Ein Hund mit diesem Trieb will nicht nur
ar-beiten, er will in Kooperation mit dem
Schäfer arbeiten. Trainer mit einer
Herr/Sklaven-Mentalität gegenüber
dem Hund sind eine Beleidigung für
die genetische Veranlagung eines solchen
Hun-des. Auf der anderen Seite muss ein
Hund, dem „genetischer Gehorsam” fehlt,
vom Schäfer befehligt
und am Anfang oft gezwungen werden, dieselben
Aufgaben gehorsam auszuführen, ob
er will oder nicht — das ist „Training”.
Beide Hunde werden fähig sein, Schafe
zu hüten, aber es wird ein grosser
Unterschied zwischen beiden sein, was die
Ausübung betrifft. Zum Beispiel wird
der Hund mit „genetischem Gehorsam” lernen,
zuverlässig und selbstständig
in Kooperation mit dem Schäfer zu
arbeiten, während der Hund, dem „genetischer
Gehorsam” fehlt, trainiert werden
muss zu gehorchen und lernen wird, auf
Befehl des Schaäfers zuverlassig zu
bleiben.
Heyne bringt es auf den Punkt: „Des Schäfers
wichtigstes Handwerkszeug ist der Hund. Und
es ist immer gut, wenn der Mitarbeiter Spass
an der Arbeit hat!” Manfred Heynes aktueller Luki (er
nennt alle seine Hütehunde Luki)
hat diese genetischen Voraussetzungen. Heyne
und ich beobachteten aus rund 300 m Entfernung
seine Arbeit, als eine Frau mit ihrem Hund
an der Herde vorbei spazieren ging. Luki begrüsste
den Hund und nahm dann nach wenigen Sekunden
seine Arbeit wieder auf— selbst-ständig!
In
dieser Situation könnten wir auch
sehr schön beobachten, dass der Hund
Wege, Ackerfurchen und Spuren in der Weideflächen
als Grenzen annahm. So war Heyne mit dem
Auto über die Weide gefahren und hatte
dem Hund so auf einer Seite die Grenze
markiert.
„Sie
müssen den richtigen Hund in einem
Wurf finden — aber es gibt viele
Würfe, da ist nicht ein richtiger
drin. Die Papiere können noch so rot
sein, die können über Generationen
rot brennen, und trotzdem ist kein Hund
im Wurf, der diese Genetik hat.”
Ob
ein Welpe nun der Richtige ist oder nicht,
entscheidet Heyne bei einem Welpentest.
Zuvor hat er den ganzen Wurf natürlich
ständig beobachtet und Welpen, die
sich bei lauten Geräuschen erschrecken,
schon gedanklich aussortiert.
Beim eigentlichen Test sperrt er ein altersgerechtes
Lamm und die Welpen in einen Pferch und beobachtet
das Geschehen ganz genau.
,,Im ersten Moment, von einer Sekunde auf die
andere, entscheidet sich schon sehr viel.
Da haben sie Hundchen dabei, die klemmen den
Schwanz ein und fiepen. Dann sieht man Welpen, die sind wie Lausejungs. Wenn die anderen frech
und mutig sind, sind sie auch frech und mutig.
Aber dann gibt es Welpen, da geht das Schwänzchen
hoch, und die gehen hin zum Lämmchen,
als wollten sie sagen: He, von dir habe ich
doch die ganze Zeit getraumt.
Diese Hundchen, die lachen und beissen wollen,
die stehen bei mir ganz vorne. Wenn ich das
eine Woche long gemacht habe, dann weiss ich
schon, was ich da habe." Ausserdem ist
für den Schäfer natürlich interessant,
wie anhänglich die Welpen sind. Dazu
lässt er sie einfach aus dem Zwinger heraus
und ruft sie, sobald sie eine gewisse Distanz
zu ihm haben. „Das ist das Gleiche wie
bei einem Kindergarten. Es sind immer dieselben
Kinder, die vorne bei den Tanten mitgehen,
und es sind immer dieselben Kinder, die ständig
eine Extra-Einladung brauchen, weil sie sonst
bummeln.”
Auch das Griffverhalten des Welpen zieht Heyne
zur Beurteilung heran. ,,Später werden
die Welpen zu zweit zum Lämmchen getan.
Das hat dann Panik und will zur Herde. Es springt
an der Wand hoch. Das eine Hundchen geht hin
und schnappt nur planlos irgendwo am Körper.
Das ist nicht gut. Auch welchen Griff die Welpen
zeigen, ist interessant. Ob sie nur ins Genick
greifen oder den Keulengriff wie er in Niedersachsen
und Mitteldeutschland üblich ist. Und
es kommt darauf an, ob sie trocken, also mit
dem ganzen Fang, oder nur mit zwei Zahnchen
greifen. Oder ob sie schütteln. Das ist
alles angeboren. Wie bei den Jagdhunden auch.
So habe ich über Jahrzehnte die Hunde
ausgesucht."
Das
Ganze ist in einer Minute vorbei. Den „Tierschützern” sei
gesagt, dass diese Tests mit dem Alter
und der Grösse angemessenen Lämmern
mit dicker Wolle durchgeführt
werden. Der Gebrauch von zu grossen Lämmern
wäre ein Missbrauch an den Welpen
und der Gebrauch von zu kleinen Lämmern
ein Missbrauch am Lamm. Welpen mit Milchzähnen
können nicht durch die Wolle eines
alters- und grössenangemessenen Lamms
beissen und ihm Schaden antun. Die einzige
Möglichkeit, wie ein Welpe dieses
Alters ein Lamm verletzen könnte,
wäre, es absichtlich ins Gesicht
oder die Ohren zu beissen oder ihm an die
Unterbeine zu gehen, die nicht mit Wolle
geschützt sind. Falls ein Welpe solch
ein Verhalten zeigt, wird er sowieso aus
dem Test herausgenommen, da dieses Verhalten
bei der Auswahl eines Deutschen Schãferhundes
zum Grossherdenhüten ausgemustert
werden muss. Es ist weit weniger riskant,
das Packen, den Trieb und anderes Beuteverhalten
an einem Welpen zu testen, als zu versuchen,
die gleichen Qualitäten später
an einem älteren Hund zu testen, zumal
ein älterer Hund fähig ist, ernsthaften
Schaden am Schaf anzurichten.
Bei
diesen genetisch gut geeigneten Hunden
ist die Ausbildung auch relativ einfach.
Manfred Heyne hatte bei seinem aktuellen
Luki leichtes Spiel. Es begann damit, dass
er die Schafe in ein Gehege sperrte und
Luki dieses umrunden durfte. Es folgte
ein Loch im Zaun und das Weglassen einer
ganzen Zaunseite. Später stellte Heyne
sich dann an eine Furche und unterstützte
das angeborene Verhalten des Hundes, in
dieser Furche zu laufen, mit seiner Stimme
und - wenn es sein musste — mit Grenzsetzung
mittels seiner Schäferschippe. Achten
Sie einmal darauf, dass vielen Hunden das
Laufen in einer Furche oder auf einer Treckerspur
angeboren ist.
Im
Alter von einem Jahr überzeugte Luki seinen
Herrn dann restlos. Er wagte sich zu nah
an einen Schafsbock und wurde von diesem
angegriffen. Luki überschlug
sich, rappelte sich wieder auf und packte
den Bock dann von vorne oben ans Genick – so
wie er es beim Welpentest schon gezeigt
hatte.
Sein Grossvater hat sich gleich mit einigen
jungen Rindern angelegt, die übermütig
auf Heynes Schafherde zustürmten. „Das
sind Hunde. Da können die anderen zehnmal
auf der Hauptzuchtschau ,V-Auslese' laufen
oder sonst was. Die können mir nichts
mehr vormachen.”
Uberhaupt
wurde ja in der Vergangenheit robuster
selektiert. Manfred Heyne weiss da eine
interessante Geschichte zu berichten,
die ihm von seinem Lehrmeister erzählt
wurde: Dieser war Schäfergehilfe bei
dem Schafmeister Albert Pohle, der den
Rüden Herold aus der Niederlausitz 1928
als Schutzhund in Strohwalde (Uckermark)
hatte. SV-Gründer von Stephanitz hatte
anfragen lassen, ob er einmal kommen und
diesen Hund auf Herz und Nieren überprüfen
dürfe.
Selbstverständlich durfte er. Pohle
musste seinen Hund Herold in
einer Koppel ablegen und ausser Sicht des
Hundes gehen.
Von Stephanitz und sein Begleiter sind in dieser
Koppel umhergeritten, im Schritt, im Trab.
Sie haben den abliegenden Hund leicht bedrängt
und sind dann mit einmal energisch von links
und rechts auf den Hund zugeritten. Da ist Herold aufgesprungen
und hat sich im Genick oder in der Mähne
von Stephanitz' Pferd festbeissen wollen.
Von Stephanitz hat den Hund mit der Reitpeitsche
zwischen die Ohren geschlagen, worauf dieser
vom Pferd abliess. Die Pferde wurden weggebracht,
der Hund schüttelte sich und wurde von
alien gestreichelt. „Stephanitz machte
Herold aus der Niederlausitz 1930/31 zum SV-Zuchtsieger.
Stellen Sie sich einmal vor, diese Uberprüfung
würde mit den heutigen Zuchtsiegern gemacht.
Herold hatte Mut und konnte Krieg und Frieden
unterscheiden.”
Manfred
Heyne war als Züchter überaus
erfolgreich. Nicht nur, dass er alle Hunde,
mit denen er das SV-Bundesleistungshüten
gewonnen hat, selbst gezüchtet hat
(natürlich bis auf den Ersten, den
er ja geschenkt bekam). Er hat auch als
Schafzüchter grosse Erfolge vorzuweisen.
Heyne
war 30 Jahre als Schäfermeister
bei dem Freiherrn von Kühlmann-Stumm
angestellt. Für seinen Betrieb
leitete er die Schafzucht und gewann
1974 bei einer Ausstellung der
Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft
(DLG) alle Klassen der Hauptzuchtschau.
Allerdings muss man seine Erfolge
als Hundezüchter aus einem
anderen Blickwinkel betrachten,
als es im SV normalerweise üblich
ist. Denn er hat nur gezüchtet,
wenn er für seine Arbeit an
den Schafen einen Nachwuchshund
gebraucht hat. „Ich habe
mich zweimal verführen lassen
und mit Schönheit gezüchtet.
Ich hatte sofort Probleme mit Gebärmuttervereiterungen
und den Pfoten. Schuster bleib
bei deinen Leisten! Das hat für
mich alles keinen Wert. Die können
alle Geld verdienen, so viel wie
sie wollen.
Gegen das Kreislaufen hatte ich
schon immer etwas – darin
sehe ich keinen Sinn.”
Das
SV-Bundesleistungshüten, wie es heutzutage
durchgeführt wird, ist für Manfred
Heyne mehr eine Show-Veranstaltung, denn ähnlich
wie oft im Schutzhundbereich kommt es
bei der Beurteilung nicht auf die genetische
Veranlagung des Hundes an. ,,Die paar Schäfer,
die noch mitmachen, belügen sich ja
auch jeden Tag. Bei jedem Wurf, bei jeder
Paarung belügen die sich selber. Die
wissen ja auch nicht mehr, was ein wirklicher
Hütehund ist. Die sind mit Kommando-Roboter
zufrieden. Ich sehe keine Zukunft mehr.
Die Hüteordnung ist in Ordnung – aber
die seit 20 Jahren vom SV eingesetzten Oberrichter
haben nicht die geringste Ahnung von Hütehundgenetik.
Die Hunde werden nicht mehr auf Herz und Nieren
geprüft. Selbstständigkeit ist das
höchste Gut! ! Das ist so, well diese
SV-HGH-Oberrichtee nichts mit Schafen zu tun
haben!"
Heyne
ist so erzürnt, weil er nur leider
exemplarisch an seinem Hund erleben konnte,
dass Hunde wie sein Luki, die
genetisch gute Hütehunde sind, wegen
anderer „Fehler” nicht in den
Zucht eingesetzt werden dürfen. Luki z.B.
hat einen kleinen Rückbiss - wenige
Millimeter Zahnfehlstellung sind Grund
für der Verlust wertvoller Fähigkeiten.
Das frustriert ihn: „Wenn diese Quelle
des DSH weiter ausgeschöpft worden wäre,
dann hätten wir heute auch noch einen
fleissigeren Hund. Die Leistungsbereitschaft
des DSH hat doch derartig nachgelassen – nur
kann man diesen ganzen Hochzüchtern dieses
nicht sagen.”
Wer
seinen Luki einmal bei der
Arbeit an den Schafhende beobachten und
sich in die Geheimnisse des Hütens
einweihen lassen will, ist bei Manfred
Heyne herzlich willkommen. Die Kontaktadnesse
hält die Redaktion vor Der
Gebrauchshund bereit. Aber Sie
müssen sich beeilen, denn der Schäferveteran
ist pessimistisch: ,,Dem DSH gebe ich noch
zwischen zehn und fünfzehn Jahren – mehr
nicht.”
Ellen
Nickelsberg
Nickelsberg's Farm
44 Chase Lane
Medusa, NY 12120
Phone: 518-239-4972
E-mail:nicky@mhonline.net
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